Ein Dorf im Ausnahmezustand

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DFB-Pokal, erste Runde: SV Drochtersen/Assel - Borussia 0:1

Ja, die Pause war nach der letzten Auswärtsreise nach Bern doch sehr lang. Unendliche eineinhalb Tage, nachdem wir aus der Schweiz zurückgekehrt waren, waren wir schon wieder auf Auswärtstour. Diesmal in Richtung Norden, wo die erste DFB-Pokalrunde auf dem Programm stand. Das Los hatte uns diesen Trip nach Drochtersen, einem Dorf an der Elbe, beschert. Zur Übernachtung bot sich ein Campingplatz auf der Elbinsel Krautsand an, der nur wenige Kilometer von Drochtersen entfernt war.

Eigentlich hatten wir geplant, mit meinem Auto zu fahren. Diesen Plan mussten wir jedoch verwerfen. Der Versuch, Campinggepäck für vier Leute in meinem Golf zu verstauen, scheiterte kläglich. Kurzerhand wurde umgepackt und wir fuhren mit dem Kombi-Benz von C&A. In Olpe stieg dann noch Dennis zu, so daß unsere Besetzung komplett war.

Die Anreise war eine Katastrophe. Zahlreiche Baustellen und Ferienende in einigen Bundesländern sorgten für verstopfte Autobahnen, so daß wir einen Großteil der Strecke auf Umleitungen zurücklegten. Die Navigation klappte in der Kombination von moderner Technik und althergebrachtem Autoatlas ganz gut, so daß wir nach etwa sechs Stunden auf dem Campingplatz eintrafen. Kurz vor dem Ziel deckten wir uns im letzten Supermarkt vor Verlassen der Zivilisation mit Fressalien ein.

Nachdem die Zelte aufgebaut waren, wurde der Grill angeworfen und gemütlich geschlemmt. Etwas seltsam war dabei der Auftritt des Platzeigners, der sich über den beim Grillen entstehenden Rauch beschwerte. Anscheinend campen hier auch Leute, die von einer gewissen Toleranz auf Campingplätzen noch nie etwas gehört haben. Und wenn der Wind ungünstig steht, weht halt auch schon mal der Grillduft bis zu den Dauercampern, die hier wohl als Gottheiten angesehen werden. Nach kurzer Diskussion überzeugten wir den nörgelnden Chef davon, dass die Rauchentwicklung nur von kurzer Dauer sei.

Später am Abend erkundeten wir noch etwas die Umgebung. Nach nur wenigen Minuten überquerten wir den Deich und erreichten den Strand der Elbe. Dort wurden wir Zeuge eines fantastischen Mondaufgangs. Und auch sonst war es sehr schön hier. Hier sollten wir noch einmal bei Tageslicht vorbeischauen.

Zum Campingplatz zurückgekehrt, genehmigten wir uns noch einen Schlummertrunk und zogen uns dann in die Zelte zurück. Die Anreise hatte doch sehr geschlaucht. Und der morgige Tag würde sehr anstrengend werden.

Am Samstagmorgen wurde zunächst ausgiebig gefrühstückt. Und dann mussten wir irgendwie nach Drochtersen gelangen. Da hier am Wochenende keine Linienbusse fuhren, bestellten wir uns ein Taxi, dass dann nach einer scheinbar endlosen Wartezeit dann doch noch am Campingplatz eintraf. Wir ließen uns zur einzigen Kneipe des Dorfs bringen und machten direkt die Abfahrt und einen günstigen Treffpunkt nach dem Spiel klar. Denn es zeichnete sich jetzt schon ein ziemliches Verkehrschaos in dem Dorf vor und nach dem Spiel ab. Und eine Baustelle in der Ortsmitte würde auch einen Teil dazu beitragen. Vor der Kneipe war hektische Betriebsamkeit. Sitzgarnituren wurden aufgebaut, um dem Ansturm der Gladbachfans Herr zu werden.

In der Kneipe trafen wir auf bekannte Gesichter. Greenhorn Stefan aus Flipperswinkel und sein Kumpel sowie Jesus saßen an der Theke. Später trafen auch noch ein paar Leute der Hagener Löwen und der Turtles ein. Irgendwie immer dieselben Gesichter, die wir zum Teil schon in Bern gesehen hatten.

Nach ein paar Bierchen machten wir uns auf den Weg zum Kehdinger Stadion, eigentlich einem Dorf-Sportplatz, der für das heutige DFB-Pokalspiel mit Zusatztribünen ausgestattet worden war. Wir waren recht früh dran und der Betrieb hielt sich noch etwas in Grenzen. Die restlichen Leute der Borussenfestung, die erst heute in den frühen Morgenstunden aufgebrochen waren, würden noch auf sich warten lassen, weil sie das selbe Stauproblem hatten wie wir am Vortag. Und so war zu erwarten, dass viele erst kurz vor dem Anpfiff das Stadion erreichen würden.

Am Eingang zum Gästeblock trafen wir dann auf Panik pur. Der Sicherheitsdienst am Eingang war doch ziemlich damit überfordert, unsinnige Anweisungen der Einsatzleitung umzusetzen. Es war nur Aktionismus. Es galt ein absolutes Taschenverbot. Hahaha! Die verlangten doch ernsthaft von mir, meine Kamera aus der Kameratasche zu nehmen und die Tasche abzugeben. Auch den Stoffbeutel, in dem sich das Minibanner befand, sollte ich abgeben. Soll ich mir die Sachen unter den Arm klemmen oder was? Nach kurzer Diskussion mit dem Bereichsleiter durfte ich dann meine Taschen aber alle mit rein nehmen. Wie in hunderten von Bundesligaspielen zuvor auch. Sind ja so gemeingefährlich, meine Taschen...

Die Bewirtung hinter der Stahlrohrtribüne war durchaus brauchbar. Nur zeigte sich auch hier Ausnahmezustand. Hier wurde die Gunst der Stunde genutzt und ein Wucherpreis von drei Euro für ein nulldreier Bier verlangt. Immerhin gab es am Imbißstand gute Bratwurst und Steaks zu erwerben. Nach der erfolgten Stärkung suchten wir uns einen Platz auf den Holzplanken der Stahlrohrtribüne. Für das Minibanner fanden wir ein Plätzchen unten am Zaun. Die Freude darüber war aber später verflogen, als die Sottos mit ihrem protzigen Banner das unsere zum wiederholten Male einfach überhängten. Zum Glück hatten Jörn und Beate ihr Banner auch mitgebracht und an einer anderen Stelle angebracht, wo es nicht überhängt werden konnte.

Die Sicht auf das Spielfeld war nicht sonderlich gut. Erstens wegen dem fünf Meter hohen Zaun und zweitens wegen dem klobigen Baugerüst, das für die Fernsehkamera direkt hinter dem Tor aufgebaut worden war. Hat der übertragende Sender keine Schwenkarm-Kamera oder ähnliche Ausrüstung? Tja, wir waren hier auf dem Dorf, da ist nun mal einiges anders.

Für die Bespaßung vor dem Anpfiff sorgte die örtliche Blaskapelle, die bei solch einem Ereignis nicht fehlen durfte.

So langsam füllten sich die Tribünen. Der Rest der Borussenfestung war aber noch nicht zu sehen. Die standen noch im Stau.

Nachdem die Ultras mit ihren Fahnen eingetroffen waren, war es endgültig vorbei mit einem Blick aufs Spielfeld.

 

Das Spiel war doch sehr naja. Borussias Spieler hatten es nicht einfach, im Kopf von der Metropole Bern auf das Dorf Drochtersen-Assel umzuschalten. Die Kicker vom Dorfclub spielten gut mit und standen mit doppelter Abwehrkette vorm eigenen Strafraum. Und diesen Riegel galt es zu knacken. Und damit tat sich Borussia doch sehr schwer. In der ersten Hälfte gab es kaum zwingende Aktionen. Hahn verfehlte mit seinem Schuss das Tor. Und eine Freistoßflanke von Traoré segelte an allen vorbei und verfehlte das Tor nur knapp. Das war es mit der Angriffsherrlichkeit der ersten Hälfte. Das musste besser werden.

In der Halbzeit traf auch der Rest der Borussenfestung bei uns ein. Sie waren pünktlich zum Anpfiff im Stadion gewesen, hatten sich aber erst jetzt zu uns durchgekämpft. Etwas früher losfahren wäre heute die richtige Entscheidung gewesen.

In der zweiten Halbzeit erhöhte Borussa die Schlagzahl und erspielte sich erste klare Chancen. Und lange ließ der Erfolg nicht auf sich warten. Zunächst wurde der Schuss von Hahn noch zur Seite abgewehrt, aber die erneute Hereingabe verwertete Korb zum 0:1. Endlich war der Riegel geknackt. Aber weiterhin stand Drochtersens Abwehr gut und machte es unseren Angreifern nicht leicht. So blieb es vom Ergebnis her spannend. Zweimal wehrte der Torwart Borussias Angriffe in höchster Not noch ab. Offensiv war Drochtersen-Assel zu harmlos. Sippel, der heute für den verletzten Sommer im Tor stand, musste lediglich ein paar Flanken abfangen. Ansonsten verlebte er einen ruhigen Tag.

Am Ende konnte man sagen: Der Sieg war in der Höhe verdient. Nicht mehr und nicht weniger. Diejenigen, die ein Schützenfest erwartet hatten, wurden enttäuscht. Ich hatte so ein Spiel jedoch erwartet. Zwischen den beiden Spielen gegen Bern auf Drochtersen-Assel umzuschalten, war wirklich gar nicht so einfach. Wichtig war heute nur das Weiterkommen im Pokalwettbewerb. Nach dem "wie" wird in ein paar Monaten keiner mehr fragen.

Auch die Mannschaft des Gastgebers wurde von den Gladbachfans mit fairem Applaus bedacht. Sie hatte sich wacker geschlagen.

Wir verließen nun das Stadion und machten es uns erst mal auf einem Rasen neben der Straße bequem. Wir hatten noch etwas Zeit, bis unser Taxi am vereinbarten Treffpunkt sein würde. Außerdem mussten wir noch auf Jörn warten. Er hatte bei einer Verlosung im Stadion irgendwas gewonnen. Und den Gewinn musste er sich noch abholen. Der Gewinn war eine Gratis-Wagenwäsche! Muuaaaaah! Die wäre beim regulären Erwerb billiger gewesen als die gekauften Lose!

Überpünktlich war dann das Taxi am vereinbarten Ort und wir fuhren nach Stade, wo wir in einem empfohlenen Restaurant einen Tisch reserviert hatten. Zunächst nahmen wir draußen unter großen Sonnenschirmen Platz, wurden dann aber nach einem Wolkenbruch von der Kellnerin in die Gaststätte gebeten, wo auch noch ausreichend freie Tische waren.

 

Das selbstgebraute Bier der Privatbrauerei und auch das Essen war hervorragend. Den besten Riecher für das Menü des Tages hatte dabei Tine mit ihrem Grillteller vom heißen Stein. Da war selberbrutzeln angesagt.

Jetzt, wo Hunger und Durst gestillt waren, mussten wir wieder die knapp dreißig Kilometer zurück zum Campingplatz. Eigentlich hatten wir geplant, noch mal in der Kneipe von Drochtersen vom Vormittag einzukehren. Aber da wir alle etwas in den Seilen hingen, wollten wir dann doch direkt in die Unterkunft. Alles andere wäre auch nur ein gegenseitiges Vorgaukeln von Fitness gewesen. An dieser Stelle nochmal der Dank an Jörn, der uns bis zum Campingplatz gefahren hat, um anschließend wieder zu seinem Hotel in Stade zurückzukehren.

Kaum an den Zelten angekommen, dauerte es nicht mehr lange, bis alle nach einem letzten Absackergetränk in den Zelten verschwunden waren.

Am Sonntagmorgen bauten wir nach dem Frühstück erst mal die Zelte ab und verstauten alles im Auto. Bevor wir die Rückfahrt in Angriff nahmen, machten wir erneut einen Spaziergang zum Elbe-Strand. Diesmal bei Tageslicht. Ein schönes Fleckchen Erde. Mal abgesehen vom Anblick des Kernkraftwerks Brokdorf in der Ferne auf der anderen Seite der Elbe.

Jetzt war es aber Zeit für die Heimreise. Die war leider genauso von Staus bestimmt wie die Hinfahrt. Gut die Hälfte der Strecke haben wir auf Landstraßen zurückgelegt und nicht auf der Autobahn. Wieder brauchten wir etwa sechs Stunden, bis wir wieder in Siegen ankamen. Es war diesmal eine etwas andere Tour mit neuer Besetzung. Jetzt hat auch Dennis erste Erfahrungen im Fanclub-Camping gesammelt. Und den schön gelegenen Campingplatz an der Elbe sollten wir uns für zukünftige Touren merken.