Die weiße Invasion

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Championsleague-Qualifikation: Young Boys Bern - Borussia 1:3

Endlich geht es wieder los! Das erste Pflichtspiel stand auf dem Programm. Das Losglück war endlich mal auf unserer Seite gewesen und hatte der Borussia mit Young Boys Bern einen Gegner für die Championsleague-Qualifikation beschert, der zum einen durchaus bezwingbar schien und zum anderen nicht zu weit weg war. Nach Bern kann man mal eben hinfahren. Nachdem klar war, dass wir die bestellten Karten auch wirklich bekamen, konnten wir die Reise planen.

Für sechs Leute war ein Auto zu klein. Der Einfachheit halber zog ich es vor, mit der Bahn anzureisen, während die restlichen Leute mit dem Auto fuhren. In der angemieteten Ferienwohnung, die sich als freigeräumte Privatwohnung herausstellte, trafen wir uns nach der Anfahrt um die Mittagszeit wieder. Wir verstauten unsere Sachen und machten uns dann mit der S-Bahn auf den Weg in die Berner Innenstadt, wo für die Gladbachfans ein Treffpunkt im Kneipenviertel bekannt gegeben worden war.

Schon einige Gladbachfans waren bereits eingetroffen, aber der Betrieb war noch überschaubar. Es war also noch Zeit, die schönen Altstadt noch etwas zu erkunden. Nur hatten wir jetzt ein Problem. Wir hatten Hotte, unseren Kulturbeauftragten nicht dabei, der uns bestimmt zu den alten Gebäuden, Brunnen und Gassen viel zu Erklären gehabt hätte. Eins fanden wir auch ohne ihn: Ein Straßenlokal mit leckeren Bierspezialitäten der Region.

Hier trafen dann auch weitere Leute der Borussenfestung und andere befreundete Gladbachfans ein. Fossi war bereits wie immer in Bestform. Und so langsam füllte sich die Altstadt mehr und mehr mit Gladbachern. Die meisten waren dem Aufruf des Fanprojekts gefolgt und waren in weiß gekleidet. Dazu kam der Spruch des Tages von Gandalf, dem wohl seine Weißweinschorle nicht so gut bekommen war: "Weiß wie ein Lipizzaner-Rüde!" Was hat er wohl damit gemeint?

Die Stadtverwaltung von Bern war wohl sehr gut auf die weiße Invasion vorbereitet. Wie verhindert man, dass Horden von Fußballfans ihre Notdurft an den Häuserwänden der Altstadt verrichten? Indem man ausreichend Dixies aufstellt! Und genau das war geschehen. An jeder Kreuzung entlang der Route des für später geplanten Fanmarschs waren reichlich Dixies vorhanden. So was gab es in keiner Europapokal-Stadt, in der ich zuvor gewesen bin. Und es war gut, dass die Dixies da waren. Denn Osram stand heute irgendwie ständig unter Druck und testete wirklich jedes Dixi auf Funktion.

 

Nach zwei Humpen Bier und einem Meeresfrüchte-Snack für den Türken in unseren Reihen gingen wir dann zur Party-Meile unweit des Hauptbahnhofs, wo der Treffpunkt für die Gladbachfans war. Hier war mittlerweile alles rappelvoll und die Stimmung war bestens. An den Kiosken war schon kein Bier mehr zu bekommen. Überall hieß es: "Nur noch alkoholfreies!" Ein paar Bewohner, darunter auch ein paar besonders hübsche,  hatten die Gunst der Stunde erkannt und verkauften zuvor gebunkertes Dosenbier zu gesalzenen Preisen.

Weitere Mitglieder der Borussenfestung trafen ein. Auch die Sauerländer wurden gesichtet. Die Stimmung war jetzt auf dem Höhepunkt, zumal sich Borussias Vorstand jetzt auf der Partymeile blicken ließ. Und wieder ging die Hatz auf Fotos und Autogramme los, an der ich mich dieses mal aber nicht beteiligte. Das hatte ich ja schon am Tegernsee zu Genüge getan.

 

Wir hatten beschlossen, diesmal nicht am Fanmarsch teilzunehmen, sondern vor dem Spiel zur Wohnung zurückzukehren, um im dort nahegelegenen Restaurant noch etwas zu essen. Nur dann hatten wir auf einmal ein Problem. Die S-Bahn, in die wir gestiegen waren, hielt an der Haltestelle Ostermundigen, von der unsere Wohnung nur wenige Schritte entfernt war, leider nicht, sondern düste noch eine Viertelstunde weiter, bis sie endlich zum ersten mal anhielt. Einheimische Fahrgäste klärten uns auf, dass es ein Entlastungszug war, der nicht überall hielt. Na tolle Wurst, wo waren wir denn jetzt hin geraten? Nach Großstadt sah das nicht mehr aus. Rundherum nur grüne Landschaft und ansonsten nichts. Uns blieb nur eins: Raus aus der Bahn und den Gegenzug abwarten. Wo waren wir eigentlich? Irgendein Ort mit ...ingen! Würden wir noch rechtzeitig zum Spiel zurück in Bern sein?

 

Zum Glück kam der Zug in Richtung Bern dann doch sehr bald, so dass uns diese Ehrenrunde mit der S-Bahn nur etwa eine Dreiviertelstunde gekostet hatte. Glück hatten wir auch, dass unsere Extratour von keinem Schaffner bemerkt worden war. Das wäre ein teurer Spaß geworden. So hatten wir jetzt immer noch genug Zeit, im Restaurant einzukehren und uns erst einmal zu stärken. Die Speisen waren sehr deftig. Genau wie die Preise. Aber das ist ja normal in der Schweiz.

Nach dem Essen kehrten wir noch mal kurz zur Wohnung zurück und machten uns jetzt fertig für den Stadionbesuch. Vom Stade de Suisse, daß auf dem Gelände des altehrwürdigen ehemaligen Wankdorfstadions neu errichtet wurde, trennte uns nur ein kurzer Fußmarsch. Dieser führte uns vorbei an Trainingsfeldern für Fußball, Rugby und Baseball. Auch ein Zirkus weilte hier auf diesem riesigen begrasten Gelände, das Allmend genannt wird. Wir mussten nur noch den richtigen Weg zwischen Zelten, Gattern, Weiden und geparkten Autos finden. Und schon standen wir vor dem Stadion.

Der Weg zu unserem Block führte uns vorbei an der Heim-Kurve und an der Haupttribüne. Würden wir Probleme bekommen, wenn wir uns den Weg durch die Heim-Fans bahnen? Nein, alles war friedlich. Zwar erstaunte Blicke, aber keinerlei Aggression oder dumme Sprüche haben wir registriert. Ich fand sogar noch die Gelegenheit, am Fanshop den obligatorischen Schal zu erwerben. Wir fanden dann rasch den Gästeeingang und stellten uns dann auch dort an.

Die Einlasskontrollen waren sehr oberflächlich. Schnell waren wir drin und suchten uns als erstes einen Platz für unser Banner. Und wir hatten Glück. An der Ecke des Oberrangs war noch ein Platz an der Bande. Schnell hängten wir es auf. Dann besorgten wir uns noch was zu trinken und nahmen unsere Plätze auf dem Oberrang ein. Dort trafen wir auch auf die restlichen Leute der Borussenfestung, die nicht übernachten, sondern direkt nach dem Spiel zurückfahren wollten.

Schnell füllte sich die Kurve. Es war eine weiße Invasion. Die Stimmung war absolut dem Anlass angemessen. Auch die Fans des Gastgebers gaben mächtig Gas. Nur verstehen konnte man vom harten Schwiezerdüütsch nicht wirklich etwas, Beim Einmarsch der Mannschaften machten zunächst die Berner Ultras und danach auch wenigen anwesenden Gladbacher Pyromanen ihre Pyro-Show. Sieht schön aus, ist aber immer noch verboten. Nur sind die Schweizer in dieser Hinsicht ziemlich tolerant.

Ein anderer Lichteffekt ganz ohne Pyrotechnik entstand vor Spielbeginn durch eine von der untergehenden Sonne angeleuchtete Gewitterwolke:

Das Spiel hatte Borussia nach einer kurzen Abtastphase schnell unter Kontrolle. Und schon in der 11. Minute gelang die Führung durch Raffael mit einem plazierten Flachschuss in die linke Ecke. Aber auch die Gastgeber waren nicht ungefährlich, doch sie konnten die Unordnung in Borussias Abwehr in der 20. Minute nicht nutzen. Christensen klärte die Situation. Hazard versuchte es aus der Distanz, scheiterte aber am Torwart, der mit einer Glanzparade das 0:2 verhinderte. Auf der anderen Seite verfehlte ein Schuss das Tor von Yann Sommer nur knapp. Mit der knappen Führung, die aufgrund der Spielanteile durchaus verdient war, ging es in die Pause.

In der zweiten Hälfte hatte erneut Borussia die erste Chance. Der Kopfball von Stindl war aber kein Problem für den Berner Torwart. Aber Borussia ließ jetzt den Gegner ins Spiel kommen. Und das hatte Folgen. In der 56. Minute konnte Bern den Ausgleich erzielen, nachdem unsere Abwehr Opfer eines Sekundenschlafs war. Und jetzt war es ein offenes Spiel. Bern wurde immer stärker und Borussia war drauf und dran, die Spielkontrolle zu verlieren. Chancen, wenn auch relativ harmlos, hatte Bern durchaus. In Borussias Offensive tat sich jetzt zu wenig. Da sollte ein Wechsel gut tun.

Und das tat Trainer Schubert. Für Hazard kam Hahn ins Spiel. Und das hatte Folgen. Nur zwei Minuten nach der Einwechslung erzielte Hahn die erneute Führung, nachdem sich der Ball in Flipper-Manier durch den Strafraum bewegt hatte und ihm dann irgendwie vor die Füße fiel. Der Jubel war zunächst verhalten, weil viele eine Abseitsposition gesehen hatten. Aber das Tor zählte. Davon geschockt, waren die Young Boys in der Folge etwas unkonzentriert und Raffael versuchte eine Direktabnahme, die zum 1:3 abgefälscht wurde. Jaaaaaaaaaa! Das sollte es jetzt doch sein. Bern kam nur noch einmal gefährlich vors Tor, aber seiner Freiheit überrascht, verdaddelte der Berner Stürmer diese Großchance.

Am Ende war es ein verdienter Sieg gegen gute junge Jungen, die im Rückspiel keineswegs zu unterschätzen sind. Angesichts des Auswärtssiegs mit drei geschossenen Toren war uns aber nicht bange, dass die Gruppenphase der Championsleague erreicht wird.

Die Mannschaft bedankte sich vor der weißen Wand für die lautstarke Unterstützung. Und dann war noch etwas Geduld gefragt. Wie immer beim Europapokal, mussten wir Gästefans noch etwas im Block verweilen, bis wir herausgelassen wurden. Das war für den einen oder anderen unserer Leute die Gelegenheit, wieder fit zu werden. Schon zu Beginn der zweiten Hälfte war unser Präsi, durch Weinschorle leicht angeschlagen, sanft eingeschlummert. Stell dir vor, du fährst zum Europapokal und du verpennst das Spiel. Das geht ja gar nicht! Und damit nicht genug. Gerüchten zufolge soll er an das leckere Abendessen vor dem Spiel keinerlei Erinnerung mehr gehabt haben.

Als wir schließlich rausgelassen wurden, verabschiedeten wir uns von den Leuten, die jetzt noch zurückfahren wollten. Und wir machten uns ohne Umwege auf den Weg zur Wohnung. Der Tag war doch sehr anstrengend gewesen und alle hingen jetzt etwas in den Seilen. Nach einem Absackerbierchen in der Wohnung waren alle recht schnell in den Kojen verschwunden.

Am nächsten Morgen war nach dem Frühstück, bei dem Ali McGyver persönlich den Kaffee zubereitete, packen angesagt. Und es war an der Zeit, sich zu verabschieden. Die Fünfer-Fahrgemeinschaft fuhr ab und ich entschied mich dazu, den Weg zum Bahnhof zu Fuß zurückzulegen. Es war die richtige Entscheidung, denn ich bekam doch sehr lohnenswerte Blicke auf die Altstadt und den Fluß, der die Stadt durchfließt, geboten. Auch in der Altstadt gab es viele schöne Motive.

Plötzlich hörte ich vertraute Rufe. Der Rest der Borussenfestung hatte sich auch dazu entschlossen, der Altstadt vor der Abfahrt noch einen Besuch abzustatten. Und so trafen wir uns wieder. Lange dauerte die erneute Begegnung aber nicht, weil ich meinen Zug erwischen musste. Und vorher wollte ich noch was essen. Im Partyviertel wurde ich fündig. Die spinnen, die Schweizer! Zwölf Franken für einen Döner! Und das war das billigste Gericht auf der Karte! Naja, ist ja nicht jeden Tag so.

Am frühen Abend traf ich wieder in Siegen ein. Mal wieder war es eine gelungene Auswärtstour. Eine schöne Stadt, nette Gastgeber, ein Auswärtssieg und die weiße Wand werden in Erinnerung bleiben. Jetzt war erst mal Fußball-Pause. Aber nur für einen Tag. Denn schon am Freitag würden wir wieder in Sachen Borussia auf Achse sein. Wir würden Deutschland in nur drei Tagen von Süden nach Norden durchquert haben. Nach der Metropole Bern würde uns das Dörfchen Drochtersen erwarten.