Am Ende fehlte die Puste

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Championsleague, 6. Spieltag: Manchester City - Borussia 4:2

Wohin ich schon nicht mehr gerechnet hatte, wurde doch noch wahr. Wegen einiger Absagen rutschte ich wenige Tage davor doch noch in den Kreis derjenigen, die eine der begehrten Karten bekamen und auf die Insel reisen durften. Nur wie wollten wir anreisen? Die meisten, die früher planen konnten, hatten ihre Reisen schon gebucht. Mangels verfügbarer Plätze im Eurostar und zu teurer Flugpreise blieb eigentlich nur die Variante Bahn und Fernbus zusammen mit Omi und Osram. Der wäre aber erst am Donnerstag zurück. Und da musste ich schon wieder arbeiten. Blieb eigentlich nur Plan B. Und der war Plan B! Gleichnamiger Fanclub im Grenzgebiet zu Holland hatte eine Busfahrt ab Kevelaer nach Manchester angeboten, die rechtzeitig am Mittwoch wieder zurück sein würde.

Kurzerhand meldete ich mich da an und machte mich am frühen Montagnachmittag per Bahn auf den Weg Richtung Kevelaer, wo der Bus am Abend abfahren sollte. Rechtzeitig kam ich am dortigen Bahnhof an und musste noch einen kleinen Spaziergang durch den beschaulichen Wallfahrtsort machen, um den Abfahrtsort zu erreichen, die Gaststätte "Prinzenhof". Diese stellte sich als urgemütliche Kneipe mit uralter eingestaubter Innenausstattung heraus. Es sprach also nichts dagegen, vor Beginn der Fahrt noch das eine oder andere frisch gezapfte Bierchen zu schlabbern, bevor es im Bus dann nur noch Flaschenbier geben sollte.

Nach und nach trudelten die Mitfahrer ein und die Fahrt mit zwei Bussen konnte beinahe pünktlich um 19 Uhr losgehen. Im Bus 1 waren überwiegend die Leute von Plan B und der näheren Umgebung, in Bus 2 waren Fanclubs, die angereist waren kleinere Gruppen und Einzelpersonen, darunter auch ich. Die Frage war, ob wir wegen der Ereignisse der Vorwochen gut durchkommen würden, weil wir ja sowohl Belgien als auch Frankreich durchfahren würden. Es war aber alles halb so wild. Lediglich an der Grenze zu Frankreich mussten alle Fahrzeuge die Autobahn verlassen und eine hell erleuchtete Kontrollstelle im Schritttempo durchfahren. Das war aber schnell erledigt und erreichten eine halbe Stunde später Calais, um von dort aus die Fähre auf die Insel zu nehmen. Zuvor mussten wir noch durch die Passkontrolle. Auch der Bus wurde kontrolliert, damit niemand auf die Insel kam, der nicht dahin gehörte.

Während der Überfahrt mussten alle aus dem Bus. Aus Sicherheitsgründen. Im Innendeck war es auch gemütlicher. Großzügige Sitzgruppen luden zum Ausruhen ein. Und wir konnten diverse Snacks und Getränke erwerben. An das englische Bier muss man sich ja auch erst mal gewöhnen. Geschmacklich erinnert das schon mal an Mundspülung. Mit Reinheitsgebot hat das oft nichts zu tun. Aber man gewöhnt sich an alles. Nach knapp zwei Stunden war wieder Land in Sicht und nach dem Andocken konnten wir die Fahrt fortsetzen.

Weiter ging die Fahrt durch die Nacht in England. Irgendwas war anders. Achso, alle fuhren auf der falschen Seite. Da wird man ja krank im Kopf! Da könnte ich mich nie dran gewöhnen. Die meiste Zeit wurde dann im Bus vor sich hin gedöst. Ab Dover waren ja noch gut 500 Kilometer zurückzulegen. In den Morgenstunden, etwa eine Stunde vor Manchester, machten wir dann noch eine längere Pause auf einer Raststätte, wo wir erst mal vernünftig frühstücken konnten. Das muss man den Engländern ja lassen. Die Angebote waren gut und reichhaltig. Und das wichtigste war, dass es guten Kaffee gab. Und alles war sauber.

Und weiter ging die Fahrt. Jetzt bei Tageslicht. Die letzten Kilometer bis Manchester stockten dann doch mehr und mehr im morgendlichen Berufsverkehr. Spätestens nach der Autobahnausfahrt ging es nur noch schleichend vorwärts. So brauchten wir für die Fahrt durch die Vororte noch eine weitere Stunde, bis wir unser Ziel in der Innenstadt, das Einkaufs- und Vergnügungsviertel "Printworks" erreichten. Dort mussten wir schon am späten Vormittag alles für den Stadionbesuch am Abend mitnehmen, da die Busse zum Stadion weiterfahren würden. Das hieß für mich, auch die Kamera im Bus zurückzulassen, da ja solch gefährliche Sachen im fanfeindlichen Stadion von Manchester nicht erlaubt sind. Ab sofort musste das Smartphone für weitere Fotos ausreichen. Ich bitte daher, die teilweise miese Fotoqualität zu entschuldigen. Nach einer anfänglichen Orientierung fanden wir das hiesige Hard Rock Café, dem einige von uns einen Besuch abstatteten.

Ich hielt mich aber nicht lange dort auf, weil so gut wie gar nichts los war. Auf der anderen Straßenseite fand ich das englische Fußballmuseum, dem ich einen Besuch abstattete. Für drei Pfund Spende durfte man rein. Zu sehen gab es neben zahlreichen Trophäen, Spielerbildnissen, Schautafeln zu Vereinshistorien und den Erfolgen der englischen Nationalmannschaft (eher überschaubar :-)) auch zahlreiche Möglichkeiten, auf automatischen Anlagen das eigene Geschick am Ball, beispielsweise bei Schuss und Ballkontrolle unter Beweis zu stellen. Sehr angetan war ein paar Leute vom Personal von meinem Outfit. Kutten kennt man ja in England eher nicht. Ohne ein Foto mit mir ließen sie mich nicht gehen. Ob das auch in die Austellung kommt? :-D

 

Wieder an der frischen Luft, entdeckte ich in unmittelbarer Nachbarschaft einen Weihnachtsmarkt. Welch eine Überraschung! Alles wirkte hier etwas steril und zu ordentlich. Und um diese Tageszeit war noch gar nichts los. Immerhin fand sich hier ein Fanshop von Man City. Der kam mir gerade gelegen. Wer weiß, ob sich am Stadion noch die Gelegenheit finden würde. Also holte ich mir bereits hier den zum heutigen Spiel aufgelegten Schal. Genau genommen zwei. Steffi, die zuhause geblieben war,  sollte ja auch einen bekommen.

Danach war es an der Zeit, zu den restlichen Leuten der Borussenfestung, die schon am Vortag angereist waren, Kontakt aufzunehmen und einen Treffpunkt aufzunehmen. Um auf sie zu warten begab ich mich zum heutigen Treffpunkt für alle Gladbachfans, dem "Lloyds Nr.1"einem größeren Pub auf zwei Etagen innerhalb des Komplexes des "Printworks" Hier konnte man zwischen zwölf Biersorten wählen. Und das waren nur die britischen Biersorten. Auf der Karte fanden sich sogar deutsche Biersorten, darunter auch unser Heimatbier. Aber dafür waren wir ja nicht hier. Nachdem ich mich mit einem Rumpsteak mit Pommes und Gemüse gestärkt und die ersten Biersorten getestet hatte, trafen dann auch irgendwann die anderen im "Lloyds Nr.1" ein.

Hier war alles in Gladbacher Hand. Und die Preise waren mit zwei bis drei Pfund für ein Bier recht erträglich. Auch das Essen war preiswert und lecker. Hier konnte man es gut aushalten und die Zeit bis zum Abmarsch überbrücken.

Die Stimmung im Pub war bestens. Ein paar mal wurde sogar ein Wechselgesang zwischen Unter- und Obergeschoss angestimmt. Dabei verlor Omi zur allgemeinen Belustigung ihre Stimme und konnte sich für den Rest des Tages nur noch piepsend bemerkbar machen. Das minderte aber nicht ihre stets gute Laune.

Irgendwann war es an der Zeit, sich Richtung Picadilly Garden, dem Treffpunkt vor dem Fanmarsch, zu bewegen. Auf den Fanmarsch hätte ich persönlich gerne verzichtet, weil ich dem zwangsläufigen Stau vorm Stadioneingang gerne zuvorgekommen wäre, aber insbesondere Europapokal-Greenhorn Frau Ütsch und die anderen wollten den Fanmarsch unbedingt mal erleben. So schloss ich mich der Mehrheit an und wir verabschiedeten uns aus dem Pub.

Am Picadilly Garden hatten sich schon viele Gladbacher versammelt. Und lange brauchten wir auch nicht warten, bis der Marsch losging. Durch Häuserschluchten und vorbei an Industriehallen schallten unsere Gesänge, während wir dem Kommerztempel des Scheich-Clubs näher kamen. Das Verbot von Alkoholgenuss in englischer Öffentlichkeit wurde von den begleitenden Ordnungshütern zum Glück weitgehend nicht durchgesetzt. Zumindest bis kurz vors Stadion wurde niemand daran gehindert, mitgebrachtes Dosenbier zu schlabbern.

Vor dem Stadion erwartete uns dann das pure Chaos. Völlig normal, wenn 4.000 Fans gleichzeitig zum selben Eingang, auf dem folgenden Foto unter "L3" erkennbar, reinwollen. Es wurde gedrängelt, geschubst und rumgemault. Auf mich hört ja keiner... So mussten wir jetzt da durch. Über eine Stunde brauchten wir, bis wir den viel zu kleinen Eingang mit nur drei Drehkreuzen erreicht hatten. Die Einlasskontrolle war entgegen den Ankündigungen eher lasch. Im Nachhinein habe ich mich geärgert. Meine kleine Kamera hätte ich bestimmt hineinbekommen.

Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff hatten wir es dann geschafft und wir erklommen über eine endlos lange Metalltreppe unsere Plätze auf dem dritten Rang, fast ganz oben unter dem Stadiondach. Der Blick war gut. Und die Stimmung war genial. Zumindest im Gladbacher Block. Was war denn mit dem Fanblock von Man City? Einigermaßen schockiert stellten wir fest: Es gab keinen!

Viele Lücken taten sich in den Sitzreihen des Stadions auf. Fahnen? Gesänge? Fehlanzeige! Was hat das viele Geld vom Scheich aus dem Fußball in England gemacht? Einen Kommerzsport, bei dem der Fußballfan keine Rolle mehr spielt! Ein sinngemäßer Auszug aus der Stadionordnung zur Verhaltensempfehlung: "Geht vor dem Spiel in unseren Shop. Fresst euch die Wampe in unseren Restaurants voll! Kurz vor Spielbeginn setzt euch auf eure Sitze und haltet die Fresse! Anfeuern und Jubeln verboten! Alkohol, Rauchen, Fotografieren und überhaupt alles, was Freude macht, ist verboten! Und wenn das Spiel vorbei ist, geht schnell raus und besucht noch mal unseren Shop." Bleibt nur zu hoffen, dass solche Verhältnisse in Deutschland nie kommen werden.

Jetzt konnte es aber auch losgehen. Die übliche Zeremonie vor Championsleague-Spielen sorgte mal wieder für Gänsehaut-Stimmung. Auch der bedingungslose Support der Borussenfans.

Das Spiel begann flott und vielversprechend für Borussia. Die erste Chance hatte Korb, der aus spitzem Winkel über das Tor schoss. In der 16. Minute ging Man City dann etwas aus dem Nichts in Führung durch einen Schuss aus spitzem Winkel. Aber Borussia hatte direkt die Antwort parat. Nur drei Minuten später gelang Korb mit einem Flachschuss der Ausgleich. In der Folge kontrollierte Borussia das Spiel und hielt den Gegner gut vom Tor fern. Nur zweimal rauschten Distanzschüsse über das Tor. Und in der 42. Minute erreichte die Stimmung im Borussenblock dann den Höhepunkt, als Raffael das 1:2 erzielen konnte! Mit diesem Ergebnis ging es auch in die Pause.

Sollten wir wirklich die Sensation schaffen und hier das Überwintern im Europapokal sichern? Noch lagen 45 schwere Minuten vor uns. Was würden sie bringen?

Leider konnte Borussia das hohe Tempo der ersten Hälfte nicht mehr halten. Die Zuspiele nach vorne kamen nicht mehr an und Man City dominierte mehr und mehr. Öfters musste Sommer jetzt sein Können zeigen. Borussia kam nur noch einmal in die Nähe des gegnerischen Tores. Dabei wurde der Ball aber leider verstolpert. In der Defensive schwanden zunehmend die Kräfte. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis der Ausgleich fallen würde. Viel hat Borussia nicht gefehlt. Aber in der 79. Minute musste Borussia dann doch den Ausgleich hinnehmen. Das hatte sich angedeutet.

Fast gleichzeitig kam die Meldung von Sevillas Führungstor gegen Juve. Das würde jetzt schwer werden. Und es wurde ganz schnell zum unmöglichen Unterfangen. Denn nur eine Minute später ging Man City in Führung. Und damit nicht genug. Fünf Minuten vor dem Ende erhöhte die Mannschaft in babyblau auf 4:2! Jetzt war es entschieden und alles vorbei. Borussia würde ausscheiden und die Antifußballer aus Sevilla als Tabellendritter in die Europaleague einziehen.

Trotz allem gab der Gladbacher Anhang nochmal richtig Vollgas, zum Erstaunen der restlichen Zuschauer. Fast das ganze Spiel über hatten sie geschwiegen. Erst nach dem Führungstor waren sie mal kurz laut geworden und hatten auch ein paar Schmähgesänge vernehmen lassen. Nach dem Abpfiff wurde unsere Mannschaft trotz des Aussscheidens vom Gladbacher Block minutenlang gefeiert. Borussia hat sich in einer stark besetzten Gruppe achtbar geschlagen und Deutschlands Fußball würdig vertreten. Am Ende fehlte die Puste. Aber das ist bei so vielen englischen Wochen und bei einer selten so dagewesenen Verletzungsserie nicht weiter verwunderlich. Dieses Jahr haben wir Lehrgeld bezahlt. Im nächsten Jahr greifen wir wieder an.

Als die Mannschaften weg waren, mussten wir, wie immer bei internationalen Spielen, noch etwas im Block bleiben. Es war jetzt Zeit, sich zu verabschieden. Während der Rest der Borussenfestung noch einen Tag bleiben würde, musste ich ja leider direkt wieder mit dem Reisebus zurückfahren. Als der Eingang schließlich geöffnet wurde, war ich dann auch ziemlich schnell aus dem Block verschwunden. Ich musste ja noch den Bus wiederfinden, der irgendwo auf dem Gästeparkplatz hinter dem Stadion stand.

Nur eine Sache hatte ich mir noch vorgenommen. Und dafür nahm ich mir auch die Zeit. Ein Foto mit einem Bobby:

Lothar, der Präsi von "Plan B", drängte dann zum Einsteigen. Nur wenige Minuten später rollten wir dann auch schon vom Stadiongelände. Und endlich durften wir dann auch wieder Bier trinken. Aber so richtig lief es nicht mehr. Viel mehr als einen Absacker gönnte sich kaum einer. Wir waren noch nicht lange auf der Autobahn, da wurde es doch merklich ruhig im Bus. Einerseits wegen der Enttäuschung des Ausscheidens, andererseits wegen der Müdigkeit. So richtig hatte wohl keiner in der ersten Nacht geschlafen.Auch ich döste so mehr oder weniger vor mich hin. Richtig geschlafen habe ich nicht. Erst auf der Fähre von Dover nach Calais konnte ich mich mal richtig auf einer Polstergarnitur ausstrecken und wirklich eineinhalb Stunden schlafen.

Für ein Frühstück reichte die Zeit auf der Fähre auch noch. Und es war die letzte Gelegenheit, englisches Hartgeld loszuwerden. Der Rest der Rückfahrt ging zügig und staufrei vonstatten. In Belgien wurde noch einmal angehalten, um sich zu stärken. Etwa um kurz nach eins am Mittag waren wir wieder in Kevelaer. Im Bus hatte ich zwei Gladbachfans aus Gießen kennengelernt. Die nahmen mich netterweise im Auto mit, so dass mir die erneute lange Zugfahrt erspart wurde. Vielen Dank nochmal fürs Mitnehmen. Nachmittags um halb vier war ich wieder zuhause. Eine anstrengende, aber unvergessliche Tour war zu Ende. Nur das Ergebnis hätte besser sein können. Aber Borussia hat sich gut verkauft.

 Hei Dino.Du hast wie immer

 

Hei Dino.

Du hast wie immer den Nagel auf den Kopf getroffen.

International sind die Gladbacher nicht zu toppen.    

Grüße aus der Oststraße
Wolle